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Web 2.0 : Ursprung, Entwicklung und Anwendung

[ Dipl.-Inf. (FH) Clifton H. Cartwright | 28.10.2007 ]



Was ist Web 2.0?

Die erste treffende Beschreibung des Phänomens mit dem Namen "Web 2.0" stammt vom Schöpfer des Begriffs selbst: Tim O'Reilly, "What is Web 2.0", 30.09.05 ; O'Reilly Verlag (http://www.oreilly.de/artikel/web20.html)

[ ... ] Dale Dougherty, Web-Pionier und Vizepräsident von O'Reilly, merkte an, dass das Web [ nach der Dot-Com-Krise, Anm. d. Ed. ] nicht etwa zusammengebrochen, sondern wichtiger als jemals zuvor sei. Interessante neue Anwendungsmöglichkeiten und Seiten tauchten mit erstaunlicher Regelmäßigkeit auf und die überlebenden Firmen schienen einige wichtige Dinge gemeinsam zu haben. Könnte es sein, dass der Dot-Com-Kollaps einen derartigen Wendepunkt markiert hatte, dass man diese Dinge nun mit einem Schlagwort wie "Web 2.0" bezeichnen durfte?

[ ... ] Eineinhalb Jahre später hat sich der Begriff "Web 2.0" in der Tat durchgesetzt, Google findet hierzu inzwischen 9,5 Millionen Treffer. Aber es existiert immer noch große Uneinigkeit darüber, was "Web 2.0" nun genau bedeutet. Einige halten es für ein bedeutungsloses Schlagwort aus dem Marketing, Andere akzeptieren es als neue allgemeingültige Einstellung.

Leider ist der Begriff selbst irreführend. Die Versionsnummer "2.0" lässt vermuten, dass es sich bei Web 2.0 um technische Aspekte handelt, aber es geht nicht um neue Standards, Protokolle oder Technologien, sondern vielmehr um eine veränderte Wahrnehmung und Benutzung des Webs. Web 2.0 bedeutet: Inhalte werden nicht mehr zentral bereitgestellt und verbreitet, sondern auch von unabhängigen Personen, die sich untereinander vernetzen.
Web 2.0 ist zu einem Marketing-Schlagwort geworden und ist ein Sammelbegriff für alle Technologien, die diese Art von kollaborativer Inhaltserstellung, -bereitstellung und -pflege unterstützen.

Web 2.0 hat als Begriff dennoch eine Daseinsberechtigung, wenn er verwendet wird um das Zusammenwirken verschiedener Technologien für eine vermutete (erhoffte) soziale oder wirtschaftliche Entwicklung zu beschreiben.

Ursprung

Die herrschende Meinung ist, dass Web 2.0 seinen Ursprung nicht in einer Idee hat, sondern zwingende Konsequenz aus der Verfügbarkeit der notwendigen Funktionalität und der Tatsache ist, dass das Internet (Web) mit seiner mittlerweile sehr hohen Durchdringung ein Spiegel der Gesellschaft ist und sich soziale Strukturen zwangsläufig entwickeln, wenn die notwendigen Voraussetzungen (teilnehmende, soziale Wesen) erfüllt sind und es den Raum (Funktionalität) dafür gibt.
Typische Beispiele für Web 2.0 sind Wikis (Wikipedia), Flickr, YouTube, Blogs und Tauschbörsen.

Ursachen des Phänomens Web 2.0

Das (alte) Web war eine Plattform, die sich konzeptionell nur in unwesentlichen Bereichen von den herkömmlichen Massenmedien unterschied. Es gab wenige Informationsanbieter und viele Konsumenten. Als klassisches Massenmedium konnte das (alte) Web daher keine Antwort auf die inherenten Probleme der herkömmlichen Massenmedien / Informationskanäle geben. Die Konsumenten hatten wie bei den anderen Massenmedien eine passive Rolle und konnten Inhalte und Richtung der angebotenen Informationen nur indirekt über ihre Marktmacht als Kollektiv beeinflussen. Die technischen Unterschiede zwischen dem Web und den herkömmlichen Massenmedien reichten nicht aus, um ein Alleinstellungsmerkmal zu bilden, was zur "Dot-Com-Krise", dem wirtschaftlichen Zusammenbruch des Webs führte. Um als Massenphänomen zu 'überleben' musste sich das Web weiterentwickeln. Die Technologie des Webs bot den dafür notwendigen Raum. Die weiterhin erfolgreichen Angebote im Web waren diejenigen, die ihren Teilnehmern aktive Rollen zubilligten. Und diese neuen Möglichkeiten wurden akzeptiert, lösten die veränderte Wahrnehmung des Webs als Plattform für die aktive Beteiligung aus. Aus Konsumenten wurden Produzenten und umgekehrt. Das Web 2.0 unterscheidet nicht mehr zwangsläufig zwischen Produzenten und Konsumenten. Jeder Teilnehmer kann je nach Situation und Bedarf die eine oder andere Rolle einnehmen.

Effekte des Phänomens Web 2.0

Die veränderte Wahrnehmung und Benutzung des Webs hat es zu einem Massenmedium neuen Typs gemacht. Die Vision der totalen Vernetzung der Menschen wird durch Web 2.0 bereits teilweise Wirklichkeit. Menschen werden durch Web 2.0 zu mündigen Bürgern der virtuellen Netzwelt, zu sog. Netizens. Das Web wächst und orientiert sich an den Bedürfnissen und Vorstellungen seiner Teilnehmer, der Netzgesellschaft. Diese entstehende wechselseitige Abhängigkeit zwischen Menschen und dem Web macht das Internet endgültig zum omnipräsenten Weltnetz und dieses Weltnetz wird die Kommunikationskultur der Menschen weiterhin nachhaltig verändern. Die Menschen entwickeln eine digitale Identität und sind als Individuen im Weltnetz präsent. Die aktive Teilnahme am Weltnetz macht ihre Aktionen persistent, d.h. der Mensch kann - wenn er will - als Individuum eine nachhaltige Wirkung auf das virtuelle Universum haben.

Gefahren und Probleme

Die vermutete Anonymität als Teilnehmer des Internets ist nicht mehr gegeben. Web 2.0 verstärkt diesen Effekt noch, denn für die Teilnahme an Web 2.0-Plattformen besteht in fast allen Fällen eine Registrierungs- und Anmeldepflicht, um gegenüber anderen Teilnehmern unterscheidbar zu sein. Auch wenn man hier als Nutzer vorsichtig agieren kann und häufig nur unter Pseudonymen bekannt ist, kann man sich dennoch nie sicher sein, dass persönliche Daten tatsächlich vertraulich behandelt werden. Die Gesetzgebung und damit verbundene Aufbewahrungsfristen von Logdateien durch die Dienstanbieter kommt hinzu und die rasante Weiterentwicklung der Suchmaschinentechnologie und die damit einhergehend immer bessere Erschliessung der Datenbestände des Internets lassen potientiell unerwünschte Rückschlüsse auf das Verhalten der einzelnen Nutzer des Internets zu. Web 2.0 fordert vom mündigen Netzbürger einen aufgeklärten Umgang mit dem Netz und ein ständiges Bewusstsein darüber, dass man - ob man will oder nicht - einen Footprint im Netz hinterlässt.

Bedeutung für Unternehmen

Die Ausrichtung der Menschen auf das Web zwingt die Unternehmen, sich ebenfalls mit dem Web auseinanderzusetzen. Doch hierbei geht es im Unterschied zu früher nicht (alleine) um Marketing und Werbung, wie bei den klassischen Massenmedien und dem alten Web. Web 2.0 gibt Unternehmen die Möglichkeit, direkter mit Kunden, Lieferanten und Partnern zu kommunizieren und zu kooperieren. Die Zuwendung der Kunden zum Medium Web macht das Web für Unternehmen zu mehr als dem bisherigen reinen Absatzmarkt für Produkte und Dienstleistungen. Wikis beispielsweise ermöglichen Unternehmen ihre Kunden aktiv am Serviceprozess für Produkte und Dienstleistungen zu beteiligen. Durch diese Ausdehnung bzw. Verlagerung von Aktivitäten, Prozessen und Märkten in die virtuelle Welt des Webs wird auch die Arbeit von Menschen mehr und mehr im Web stattfinden. Die Unternehmen müssen den Kunden folgen und sich daher auf organisatorischer und technischer Ebene dieser Thematik stellen.

Konzeptionelle Aspekte

Web 2.0 mit seinen Ausprägungen als Wiki, Forum oder Blog macht auf konzeptioneller Ebene etwas Neues. Der wesentliche Punkt hierbei ist die Tatsache, dass i.d.R. nicht nur Inhalte unter Beteiligung unabhängiger Akteure erstellt werden, sondern auch Organisation und Struktur der erhobenen Information "freigegeben" werden. In seiner Auswirkung bedeutet dies, dass Web 2.0-Plattformen selbstorganisierend und selbstrukturierend sind. Dies ist eine wesentlich unterschiedliche Vorgehensweise zu herkömmlichen Kommunikations- und Kollaborationsplattformen.

Anwendung in geschlossenen Netzwerken

Fast alle konzeptionellen Aspekte des Phänomens Web 2.0 lassen sich auch auf geschlossene Netze, also z.B. innerhalb von Unternehmen bzw. Organisationen anwenden. Hierbei stehen die technischen Aspekte von Web 2.0 im Vordergrund. Die Kommunikation und Kooperation von Mitarbeitern eines Unternehmens ist ohnehin geregelt und wird erwartet, oft fehlen jedoch geeignete Plattformen. Web 2.0 Technologie ist hervorragend geeignet, Kommunikations- und Kooperationsprozesse in Unternehmen zu unterstützen.
Der konzeptionell neuen Funktionsweise von Web 2.0-Technologien muss jedoch Rechnung getragen werden:
Die (teilweise strenge) Vorgabe von Organisation und Struktur führt auf zwei Seiten zu Problemen: Zum einen verursacht die Erstellung und Pflege einer Struktur auf Seite des Dienstanbieters einen erheblichen Aufwand in der Entwicklung und im Unterhalt, häufig mit dem Ergebnis, dass eine unvollkommene Struktur irgendwann nicht mehr aktualisiert wird, als gegeben hingenommen und langfristig den Anforderungen nicht mehr gerecht wird. Auf Seite der Nutzer wird diese Struktur häufig nicht verstanden oder nachempfunden, was zu einem Hemmnis für die Beteiligung an einer entsprechenden Plattform oder einem entsprechenden Prozess werden kann. Zudem verhindern strenge Vorgaben in der Struktur die Bereitstellung von potentiell wichtigen, aktuellen Inhalten, falls sie nicht in das "Raster" passen. Ein direkter und zeitnaher Prozess für die notwendige Aktualisierung der Struktur fehlt meist, so dass diese Plattformen über längere Zeiträume hinweg zu reinen "Restmülltonnen" verarmen.
Strenge Organisationsvorschriften haben einen ähnlichen Effekt. Natürlich muss (besonders in geschlossenen Netzwerken) der Zugang zu Web 2.0-Plattformen autoritativ geregelt werden. Die Granularität dieser Regelungen ist jedoch entscheidend. Ist die Regelung zu mikroskopisch, laufen diese Plattformen Gefahr, wichtige Akteure für die Bereitstellung von Inhalten auszusperren. Der Dienstanbieter erwartet in diesem Fall vom Protagonisten, sich um den entsprechenden Zugang zu bemühen. Meist sind die notwendigen Prozesse dafür zeitintensiv oder fehlerträchtig.
Die "Freigabe" von Organisation und Struktur hat in unterschiedlicher Hinsicht positive Effekte und sie verschiebt das Problem der notwendigen autoritativen Regulierung des Zugriffs auf eine andere Ebene.
Gibt man die Struktur frei, so entwickelt sich - ohne im Vorfeld Aufwendungen für die Strukturplanung zu leisten - über die Zeit hinweg eine "Idealstruktur", die perfekt auf die Bedürfnisse und Vorstellungen der Nutzer einer entsprechenden Plattform zugeschnitten ist. Gibt man den Nutzern die Möglichkeit, die Struktur selbst zu verwalten, ist auch das Problem der Strukturaktualisierung gelöst.
In Bezug auf die Organisation ist es wichtig, in der Planung von einem Maximalansatz auszugehen: Jeder Nutzer muss so viel dürfen, wie nur möglich (im Gegensatz zur granularen Gewährung von Rechten nach dem need-to-know-Prinzip). So können Nutzer je nach Eignung und Engagement ihre eigene Rolle im Pflegeprozess der entsprechenden Web 2.0-Plattform finden. Besonders für geschlossene Netze ist dies ein gewinnbringender Ansatz, denn hier sind Sabotage und Vandalismus aufgrund fehlender Anonymität praktisch ausgeschlossen. Die weitestgehende Freigabe der Organisation löst demnach das Problem der Autorisierung und minimiert so den administrativen Aufwand des Dienstanbieters.
Die Planung für den Einsatz von Web 2.0-Technologien verschiebt sich im Gegensatz zu klassischen IT-Systemen auf eine andere Ebene. Es sind keine strengen Regelwerke für Struktur und Organisation zu entwickeln, sondern Rahmenbedigungen zu schaffen, die dem sozialen Effekt und der Interaktion der Nutzer möglichst viel Raum lassen und diesen Prozess möglichst gut unterstützen.

Resume

Web 2.0 ist in erster Linie ein soziales Phänomen und erst nachrangig ein technisches. Aus sozialer Sicht wird das Phänomen Web 2.0 einen nachhaltigen Effekt auf die Gesellschaft haben. Als erstes echtes Massenmedium mit "individuellem Rückkanal" verhilft das Phänomen Web 2.0 dem Hoffnungsträger Internet zu seiner wichtigsten Bedeutung: Die Welt erheblich kleiner zu machen. Die Auswirkungen dieser Entwicklung sind irreversibel und sie werden tiefgreifend sein.
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